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„Die größte Kunst ist es, Menschen zusammenzubringen.“
Der Begegnungsstifter: Michi Hegele im Interview
Michi Hegele kennt den politischen Maschinenraum der Stadt Augsburg aus nächster Nähe. Als persönlicher Referent der zweiten Bürgermeisterin Martina Wild wirkt er seit sechs Jahren bei politischen Prozessen mit, reagiert auf Krisen und arbeitet an Lösungen für die Stadt. Gleichzeitig treibt er mit Max 59 die Idee eines neuen Begegnungsorts für junge Menschen in der Innenstadt voran. Ein Gespräch über Verwaltung, Teilhabe und die Frage, wie eine Stadt trotz Krisen zusammenhält.
Von Tanja Moosrainer
Du arbeitest seit sechs Jahren als persönlicher Referent von Martina Wild. Was überrascht dich an diesem Job heute noch?
Ehrlich gesagt ist dieser Job geprägt von Überraschungen. Es passiert ständig irgendetwas Unerwartetes – und genau das ist eigentlich schon der Normalzustand. Mal geht es um Probleme an einer Schulturnhalle, mal um weltpolitische Ereignisse, die plötzlich Auswirkungen auf Augsburg haben. Wenn irgendwo eine Krise entsteht, müssen wir reagieren. Das haben wir in den letzten Jahren oft erlebt – von Corona bis zu internationalen Konflikten.
Du sprichst internationale Krisen an. Der russische Angriff auf die Ukraine war auch für Augsburg ein Einschnitt.
Ja, absolut. In dem Moment, als der Krieg begann, ging alles sehr schnell. Wir haben am ersten Tag des russischen Angriffes gesehen, dass sich die ukrainische Community im alten Rathaus in Göggingen organisiert und Hilfsmittel sammelt. Ich bin direkt hingefahren, habe mit Leuten gesprochen und gefragt: Was braucht ihr? Wie können wir unterstützen? Daraus entstand eine Taskforce für das Ankommen der Geflüchteten, die ich übernehmen durfte. Besonders wichtig war uns, ukrainische Menschen direkt einzubeziehen – wir konnten hier kurzfristig auch ukrainische Menschen bei der Stadt einstellen. Dadurch wussten wir auch ziemlich schnell, wo es gerade Hilfe benötigt. Sie waren die Expert:innen für ihre Situation. Das war eine intensive Zeit, aber auch eine, die wir gemeinsam gut gemeistert haben. Augsburg hat gezeigt, was Zusammenarbeit auf Augenhöhe bedeutet und welchen Mehrwert man dadurch bekommt. Dadurch sind bis heute funktionierende Netzwerke entstanden.
Die Verwaltung wird oft kritisiert, weil Prozesse so lange dauern. Wie erlebst du das von innen?
Ich verstehe diese Kritik total. Uns geht vieles selbst zu langsam. Wirklich. Wir müssen in Deutschland wieder Prozesse schneller machen und vor allem freundlicher für die Bürger:innen. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass das nicht nur ein politisches Problem ist, sondern ein gesellschaftliches. Wenn alle auf ihr Recht bestehen und sofort den Klageweg eingehen, wenn man sich in seinem Recht beschnitten fühlt, muss alles rechtssicher gemacht werden. Und das bedeutet wiederum, dass alles viel länger dauert. Ein klassisches Dilemma, wo alle mitarbeiten müssen, dass wir das verändern können.
Neben deiner Arbeit am Rathausplatz bist du Ideengeber hinter dem Projekt Max 59. Was steckt dahinter?
Die Grundidee ist ziemlich simpel: Jugendliche sagen seit Jahren, dass ihnen in der Innenstadt ein Ort fehlt. Ein Treffpunkt, an dem man einfach sein kann, ohne sofort etwas konsumieren zu müssen. Also kein Club, kein Café, sondern ein Raum für Begegnung. Musik machen, tanzen, Hausaufgaben erledigen, Projekte entwickeln – all das. Gleichzeitig merken wir auch, dass sich viele Menschen einen generationenübergreifenden Ort wünschen. Deshalb denken wir das Projekt nicht nur als Jugendhaus, sondern als offenen Begegnungsraum.
Wie kam es zu der Idee?
Ich erinnere mich noch sehr genau an den Moment, in dem die Idee entstand – und wie spontan sich alles entwickelte. Während eines Gesprächs mit den Vertretern der Dr. Ingeborg von Tessin und Marion von Tessin Stiftung über mögliche Projekte in Augsburg, brachte Rupert Hackl (Vorsitzender der Tessin-Stiftung) eher beiläufig eine erste, noch sehr lose Idee eines kreativen Ortes für junge Menschen ein. Martina Wild und mir schoss gleichzeitig das ehemalige Leopold Mozart Konservatorium in der Maxstraße als möglicher Standort in den Kopf. Die beiden Vorstandsvertreter haben sich dann nach unserem Gespräch in das Gebäude, das ja eigentlich geschlossen ist, geschmuggelt und signalisiert, dass das passen könnte. Seitdem darf ich an der Umsetzung dieser Idee mitwirken.
Das ist auch nicht das einzige Projekt, welches wir als Stadt gemeinsam mit der Tessin Stiftung verwirklichen, aber doch das Größte. Und das wird die Maximilianstraße auch ein Stück weit lebendiger machen. In Oberhausen an der Kapellenschule werden wir gemeinsam einen neuen Bildungsmittelpunkt verwirklichen können. Über die Zusammenarbeit mit der Tessin-Stiftung bin ich sehr dankbar, sie bringt viel Gutes für Augsburg hervor.
Wann startet Max 59?
Realistisch sprechen wir über einen Start Ende 2028/Anfang 2029. Das Haus muss komplett saniert werden – Brandschutz, Barrierefreiheit, Denkmalschutz. Das sind riesige Themen. Wir reden hier von einem Sanierungsvolumen von ca. 15 Mio. Euro. Bis dahin suchen wir aber Räume, um den Beteiligungsprozess weiterführen zu können und so eine Art „Kleine Max 59“ umzusetzen, bevor das große Projekt aufmacht. Jugendliche sollen auch bei der Renovierung mithelfen können und in Entscheidungen eingebunden sein.
Du sprichst oft von Begegnung und wie wichtig dir das ist. Worum geht es dir da?
Für mich zieht sich dieses Thema durch mein ganzes Leben. Ich bin in einer kleinen Bäckerei auf dem Land aufgewachsen. Da siehst du jeden Tag, wie Menschen zusammenkommen, wie Menschen, die neu ins Dorf ziehen, in die Dorfgemeinschaft integriert werden. Meine Eltern haben da immer sehr viel Wert daraufgelegt. Später habe ich das in meiner Zeit im Grandhotel und auch in der Kresslesmühle erlebt. Menschen zusammenzubringen und zu empowern war mir schon immer sehr wichtig. Bei Max 59 soll die Begegnung und das Empowerment von vor allem Jugendlichen, die ihre Themen im Leben haben, im Fokus stehen.
Du hast schon öfter Joseph Beuys zitiert, der gesagt hat, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Was inspiriert dich daran so?
Ich habe eine gewisse philosophische Grundhaltung, wonach ich fest glaube, dass in jedem von uns etwas Kreatives steckt und es die größte Kunst ist, diese Kreativität zu wecken. Am schönsten und besten funktioniert das, wenn es im miteinander Schaffen entsteht. Das ist dann dieser Empowerment Moment.
Wenn es in der Arbeit mal richtig nervt, dann schau ich mir Hannah Arendt an, deren Bild in meinem Büro hängt, und führe mir vor Augen, dass das Leben nicht immer bequem ist und wir hartnäckig bleiben und weitermachen müssen, um Gemeinschaft zu schaffen und ein gutes und respektvolles Zusammenleben zu gestalten. Ich bin davon überzeugt, dass wir als Menschen eine Verpflichtung haben, uns in die Gesellschaft einzubringen. Nur daheim rumsitzen, meckern und gar nichts machen, hilft nicht.
Wenn du dir anschaust, was in Augsburg gerade passiert, stimmt dich das zuversichtlich?
Die Corona-Zeit hat in Augsburg auch im kulturellen Bereich, welcher schon auch der Antrieb einer Gesellschaft ist, sehr weh getan. Ich sehe aber jetzt wieder Licht am Ende des Tunnels. Ich habe schon das Gefühl, dass in Augsburg vor allem im Kulturbereich wieder viel Neues entsteht. Das hätte ich so vor zwei Jahren noch nicht gesagt. Ich sehe viele junge Menschen, die auf die Straße gehen, die Kultur machen. Der Resonanz Verein ist so ein Beispiel. I love it. Beim Brechtfestival habe ich das Manische Magazin gehört und bin ausgeflippt vor Freude. Gleiches gilt für Ceci… wirklich wunderbar. Ich könnte jetzt noch so weitermachen. Viele Leute in der Kulturszene kenne ich noch, merke aber auch, dass es da neue, mir unbekannte Gesichter gibt, und genau so muss es sein. Wir müssen jetzt allerdings schauen, dass die Rahmenbedingungen gestellt werden, dass diese Szenen auch gut wachsen können.
Gleichzeitig wirkt die politische Stimmung so aufgeheizt wie nie und Spaltung ist ein großes Thema, das uns alle betrifft.
Ja, das stimmt. Wir müssen aufstehen und zusammenhalten und ich finde, dass genau das auch in Augsburg passiert. Ich mag diese Stadt und ihre Menschen. Wir müssen weg davon, zu betonen, was uns trennt. In meiner Jugend auf dem Dorf habe ich zusammen mit vielen anderen Menschen ein sehr großes Festival organisiert, da wusste man genau, dass einige politisch anders ticken. Man hat sich da deutlich die Meinung gesagt und sich derbe gestritten, aber trotzdem haben wir am Ende ehrenamtlich ein Festival mit 25 000 Besucher:innen aufgestellt. Für mich ist wichtig: Haltung zeigen, wenn es nötig ist, aber gleichzeitig menschlich bleiben.
Das heißt, du würdest mit allen ein Bier trinken?
Natürlich muss man klare Haltung zeigen, wenn es um Menschenfeindlichkeit oder Rassismus geht. Da gibt es keine Kompromisse. Wenn jemand was Menschenfeindliches sagt, muss man klar entgegenstehen. Und gleichzeitlich interessiert es mich, was für ein Mensch hinter dieser Aussage steht. Diese Gleichzeitigkeit ist anstrengend, aber wir müssen als Gesellschaft lernen, diese Gleichzeitigkeit auszuhalten.
Wie steht es um deine Ambitionen in der Politik – Bürgermeister Hegele?
Ich fühle mich sau wohl in meiner Rolle in der zweiten Reihe. Ich schätze die Zusammenarbeit mit Martina Wild und dem Team hier im Referat für Bildung und Migration sehr. Ich kann von Martina auch nach vielen Jahren Zusammenarbeit noch lernen. Und Grüße gehen außerdem raus an Lieblingskollegin Barbara Friedrichs. Außerdem: Ich bezweifle, dass es dringend einen weiteren „Michael“ in der Politik benötigt. Vielleicht lieber noch mehr People of Colour und mehr Frauen. Da wäre unsere Stadtgesellschaft besser repräsentiert. (tm)






