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Friede, Freude, Foto-Erbe: Daniel Biskup bringt die Loveparade ins tim
Techno-Beats im Museum, Vinyl-Knistern im Foyer und eine Zeitreise in eine Ära, als Freiheit noch nach Neonfarben und Schweiß roch: Donnerstag Abend wurde im Augsburger Textilmuseum (tim) die Ausstellung „LOVEPARADE – Fotografien von Daniel Biskup“ eröffnet. Ein Abend zwischen Hedonismus, historischem Archiv und dem rhythmischen Nicken einer Generation.
Von Thomas Krones
Wer am Abend des 19.03.2026 das Foyer des tim betrat, wurde von einer seltsamen Gleichzeitigkeit empfangen: Ein junger DJ, der 1995 vielleicht noch gar nicht geboren war, legte auf – Vinyl only, eine fast sakrale Handlung in Zeiten von Spotify-Playlists –, während tim-Direktor Dr. Karl Borromäus Murr die Gäste mit einer Prise Realismus begrüßte: „Ein Rave hier und heute würde unter Umständen den ein oder anderen Oberschenkelhalsbruch zur Folge haben.“ Es war der Auftakt zu einer Inventur der Ekstase.
Die totale Sichtbarkeit: Jeder wollte seinen „Warhol-Moment“
Im Talk auf dem Podium wirkte Daniel Biskup sichtlich gut gelaunt, fast wie ein Reisender, der nach Jahrzehnten zurückkehrt, um den Daheimgebliebenen von einem fernen Land, aus vergangener Zeit zu erzählen. Er nahm die Gäste mit zurück in das Berlin der Nachwendezeit, als Dr. Motte mit „Friede, Freude, Eierkuchen“ ein Lebensgefühl kanonisierte, das heute wie ein schillerndes Märchenbuch wirkt.
„Niemand sagte: ‚Fotografier mich nicht!‘“, erinnerte sich Biskup. Ganz im Sinne von Andy Warhol suchte damals jeder seinen Moment im Rampenlicht der Masse – eine totale Sichtbarkeit ohne das Diktat der Instagram-Filter. Biskup war der Arrangeur für diese Aufmerksamkeit, bewaffnet mit 50 analogen Filmen in der Tasche. Logistik des Rausches. Er musste sich an den Motiven „fast nur bedienen“, während er in eine tanzende Welt eintauchte, die noch keine Selfies kannte.
Die Suggestion einer klassenlosen Gesellschaft
Besonders ein Satz Biskups beschreibt den Kern dieser Ära so präzise, dass man ihn sich einrahmen möchte: Es war „die Suggestion einer klassenlosen Gesellschaft“. Auf dem Asphalt des Kurfürstendamms spielten Herkunft oder Status keine Rolle; alle Gesellschaftsschichten zuckten zum selben harten Bass. Eine wunderbare, verschwitzte Lüge, die für ein paar Tage im Jahr zur Realität wurde.
Doch Biskup, der Chronist, weiß auch, wann die Party kippte. Er dokumentierte den Aufstieg zur Weltmarke ebenso wie den Moment, als der Kommerz die Unschuld fraß – markiert durch den bizarren Auftritt von Volksmusik-Legende Gotthilf Fischer auf einem Loveparade-Truck. Dass diese Bilder jahrelang in seinem Archiv schlummerten, verleiht ihnen heute eine fast schmerzhafte Intensität. Es ist der Beweis, dass wir mal jung waren.
Ein philosophischer Exkurs zum Ausklang
Trotz der bunten Bilder wurde es zum Ende hin existenziell. Dr. Murr und Biskup spannten den Bogen von der unbeschwerten Techno-Historie zu den harten geschichtlichen Gegebenheiten von heute. Am Ende stand ein abgewandeltes Hegel-Zitat im Raum, das wie eine dunkle Wolke über dem Erbe schwebte:
„Das Einzige, was wir aus der Geschichte gelernt haben, ist, dass wir nicht aus der Geschichte gelernt haben.“
Nach einer kurzen Pause floss der Abend wieder in den Rhythmus der Beats zurück. Es ist eine Schau, die zeigt, dass unsere Jugend nun offiziell im Museum angekommen ist – unter Denkmalschutz gestellt, aber verdammt gut ausgeleuchtet.
Geht hin. Schaut Euch das an.
Der Eintritt ist frei, der Nostalgie-Kick inklusive.
Ab sofort bis zum 19. November 2026 im Foyer des Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) und Restaurant nunó.
(tk)






