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Tour de Béton – brutal schön! Eine Stadtwanderung in drei Teilen
Teil 3: Was tun mit der Zukunft von gestern
Erneuerung oder Stillstand?
Diese Frage begleitet Augsburgs Betonbauten seit Jahrzehnten. Bevor man über Abriss redet, lohnt es, einen Moment innezuhalten: vor Fassaden, die nichts kaschieren. Das Schwabencenter von 1971 war ernst gemeint – ein Versuch, das Leben vertikal zu organisieren. Heute steht es da wie ein Entwurf, der hängen geblieben ist. Während weltweit wieder dem Brutalismus gehuldigt wird, wirkt hier mancher Traum aus Sichtbeton wie vergessen. Das Schwabencenter steht noch immer da wie eine Antwort auf eine Frage, die heute kaum noch jemand stellt: Wie wollen wir in Zukunft leben? 1971 war das keine rhetorische Übung. Jetzt, fünf Jahrzehnte später, wirkt es wie eine Probeaufnahme.
Erneuerung oder Stillstand? Rettung oder Resignation? Oder nur ein sehr teurer Zwischenzustand?
Teil 3 beginnt nicht mit einer Lösung. Er beginnt mit einem Geräusch.
Von Thomas Krones
Die Gegenwart im Beton
Probeaufnahme Zukunft
Meine Schritte hallen zu laut durch die Passage. Neonlicht summt. Draußen weht Wind durch die offenen Parkdecks, als würde das Gebäude selbst ausatmen. Ich bleibe stehen. Nicht weil etwas mich aufhält – sondern weil dieser Ort das irgendwie verlangt.
Auf TikTok ist das Schwabencenter längst eine Kulisse. #lostplace. #urbanruins. Eine futuristische Ruine als Bühne für urbane Drift-Videos.
Drohnen fliegen an den Türmen entlang, als wären sie abgestürzte Raumstationen. Ich stehe unten und schaue hoch. Kein Filter, nur Wind und das Gefühl, auf etwas zu warten, das die Kamera nicht einfangen kann. Jugendliche filmen Tanzvideos vor rohem Beton. Die Ästhetik zieht. Beton funktioniert immer – solange niemand Verantwortung tragen muss.
Der Kontrast zu 1971 ist brutal: Hier war einst das lebendige Herz eines Viertels. Das Center war Infrastruktur und Identität. Supermärkte, Modegeschäfte, Spielwaren. Ein Mikrokosmos, durchdacht wie ein soziales Uhrwerk. Wer hier wohnte, musste das Viertel nicht verlassen, um Welt zu erleben. Die Zukunft war vertikal organisiert.
Heute ist sie horizontal zerfasert.
Und doch – der Ort ist nicht tot. Er hängt fest.
Er wartet auf eine Entscheidung. Und dieses Warten zehrt mehr als jeder Abriss.
Kontrollierte Härte auf den Couchtisch
Das Schwabencenter ringt mit Leerstand, dagegen erlebt Brutalismus international eine Renaissance, zumindest in den Feuilletons und Designstudios. Coffee-Table-Books zeigen Sichtbeton in dramatischem Licht. Auf Wohnzimmer-Couchtischen liegen sie neben Kerzen in Glaszylindern und Monstera-Pflanzen. Sauber fotografiert, von Staub befreit, kuratiert. Beton als Stilzitat. Als kontrollierte Härte im weichgespülten Alltag. Modekampagnen inszenieren Models vor rohen Fassaden. Möbelserien zitieren Waschbeton als Design-Statement. Die Härte wird weichgespült, der Ernst ästhetisiert.
An der Technischen Hochschule Augsburg dagegen geht man nüchterner vor. Im Projekt „BetonMonster – 60 Plus“ untersuchen Forschende die Substanz alter Sichtbetonbauten. Keine Nostalgie, keine Polemik. Materialanalyse, Schadstoffprüfung, Instandsetzungsszenarien.
Ein beteiligter Ingenieur formuliert es trocken:
„Beton ist kein Problem. Ideenmangel schon.“
Hier kippt der Diskurs. Nicht der Baustoff ist die Krise, sondern der Wille. Brutalismus braucht keine sentimentale Verteidigung. Er braucht konkrete Entscheidungen.
Augsburgs Beton heute – Die Tour geht weiter
Schwabencenter zwischen Stillstand und Hoffnung
Die Eigentümergemeinschaft ringt weiterhin um einen Neuanfang: Seit 2019 liegen Sanierungs- und Neubaupläne vor. Die Türme sollen bleiben. Der Sockelbereich – Herzstück des alten Centers – soll komplett neu entstehen. Tiefgarage, Gewerbeflächen, neue Erschließung. Ein Reset auf Bestand.
Doch dann kommen die üblichen Wörter: Asbest. Eigentümerstruktur. Kostenexplosion. Baupreisindex. Abstimmungsschleifen. Jeder dieser Begriffe klingt harmlos, jeder ist ein Bremsklotz.
Eine Eigentümergemeinschaft mit hunderten Beteiligten ist kein schneller Organismus. Eher ein Parlament, in dem jeder Balkon eine Stimme hat.
Parallel dazu entstehen Initiativen wie „Lebensraum Schwabencenter“ oder „Grünes Schwabencenter“. Begrünte Fassaden. Gemeinschaftsflächen. Urban Gardening. Nicht als Marketingstrategie, sondern als Wunsch nach Normalität.
Eine Bewohnerin im 21. Stock sagt im vergangenen Sommer:
„Der Stillstand macht uns Angst – nicht der Beton.“
Ich notiere diesen bemerkenswerten Satz. Er verschiebt die Verantwortung.
Hier entscheidet sich, ob Augsburg seine brutalistische Vergangenheit als Fehler archiviert – oder als unfertiges Kapitel weiterführt.
Freilegen, prüfen, ersetzen, verstärken
Der Beton der 60er und 70er Jahre ist selten unschuldig. In ihm steckt ein Potpourri der schlimmsten Materialien, die die Menschheit jemals verbaut hat. Asbestplatten. Chloride im Tragwerk. Dämmstoffe, die heute unter Sondermüll fallen. Alles teuer, alles riskant.
Sanieren heißt hier: freilegen, prüfen, ersetzen, verstärken. Es ist kein romantischer Akt. Es ist eine technische Expedition.
Der Kongress am Park wurde zwischen 2010 und 2012 aufwendig erneuert. Heute wirkt er selbstverständlich – als wäre er nie gefährdet gewesen. Das Lechhausen-Hochhaus verschlang einen zweistelligen Millionenbetrag. Der Hotelturm, ikonisch und denkmalgeschützt, bleibt ein Balanceakt zwischen Erhalt und Wirtschaftlichkeit.
Man stelle sich den Hotelturm als Solar-Farm vor. Als vertikaler Garten. Als Energieproduzent. „Warum nicht?“
Postmodern? Vielleicht.
Aber auch pragmatisch.
Brutalismus verstand sich als zukunftsorientiert, oft sozial-utopisch. Ihn zu erhalten, heißt nicht, ihn einzufrieren. Es heißt, ihn umzuprogrammieren. In solchen Gedanken liegt der Kern: Brutalismus braucht Gegenwart, nicht Nostalgie.
Öffentliche Bauten im Wandel
Die Erhard-Wunderlich-Halle wurde 2024 erfolgreich saniert und zeigt, dass selbst komplizierte Brutalismus-Strukturen Zukunft haben können. Ein Bau, der lange als sperrig galt, steht nun technisch erneuert da – nicht glatter, aber stabiler. Auch am Campus der Universität wird diskutiert: erhalten, umbauen, ergänzen?
Beton braucht Pflege, nicht Ignoranz. Der Satz klingt banal. Ist er aber nicht. Denn Ignoranz ist billiger – kurzfristig. Pflege kostet. Zeit, Geld, Aufmerksamkeit.
Würde ist kein Stil
Auch Don Bosco steht in dieser Gegenwart. Rückläufige Besucherzahlen, neue Nutzungskonzepte, finanzielle Unsicherheiten. Und dennoch: Die rohe Fassade wirkt nicht verzweifelt. Sie wirkt unbeirrt.
Im Herrenbachviertel entstehen Nachbarschaftsfeste, Gemeinschaftsprojekte, kleine soziale Allianzen. Das Bild vom gescheiterten Großkomplex passt nicht mehr ganz.
Man könnte drei Stimmen nebeneinanderstellen:
Der Priester, der sagt, Würde sei kein architektonischer Stil, sondern eine Haltung.
Die Studentin, die im Sichtbeton eine Ehrlichkeit erkennt, die Glasfassaden oft fehlt.
Der Bewohner, der müde ist, immer erklären zu müssen, wo er wohnt.
Drei Perspektiven, ein Material.
Vielleicht ist das die eigentliche Frage dieses Teils:
Was bedeutet Würde in Architektur? Und wer entscheidet darüber?
Hybride Zukunft
Im Beethovenviertel reiben sich Stuckfassaden an Sichtbeton. Jugendstil neben Flachdach. Neurenaissance trifft Parkdeck.
Hier ist nichts homogen. Hier zeigt sich ein möglicher Weg: Integration statt Abriss. Brutalismus wird nicht isoliert betrachtet, sondern eingebunden – als Teil eines städtischen Ökosystems. Beton muss nicht dominieren. Er muss nicht verschwinden. Er kann integriert werden – als Schicht im urbanen Gedächtnis. Nicht als Fremdkörper, sondern als Episode.
Städte sind keine Museen. Aber sie sind auch keine Reset-Tasten.
Beton braucht Gegenwart
Geht hin
Augsburgs Beton ist mehr als ein ästhetisches Streitobjekt. Er ist ein Dokument einer Zeit, die an Fortschritt glaubte. Man kann diese Zuversicht naiv nennen. Oder mutig.
Das Schwabencenter ist der Prüfstein. Gelingt hier ein realistischer Weg zwischen Abriss und Verklärung, wäre das ein Signal für die ganze Stadt.
Darum: Macht die Tour. Jedes Mal, wenn ich vor den Gebäuden stehe, sehe ich etwas anderes. Schaut nicht nur auf die Leerstände, sondern auf die Konstruktion. Auf die Idee dahinter. Geht zum Hotelturm, zur Kongresshalle, nach Don Bosco. Diese Objekte erzählen nicht von Perfektion. Sie stehen für eine klare Haltung. Und die lohnt eine Debatte.
Offener Ausgang
In der Popkultur war Beton nie neutral. Er war immer Projektionsfläche – für Utopie und Dystopie zugleich. „A Clockwork Orange“ inszenierte Gesellschaft als Experiment im Rohbau. Industrial-Musik nutzte Hallen aus Stahl und Zement als Resonanzkörper. Vielleicht wird das Schwabencenter eines Tages begrünt, digital vernetzt, energetisch autark, eine soziale Maschine 2.0 – oder es bleibt ein Mahnmal für einen überoptimistischen Moment der Stadtgeschichte.
Die Zukunft des Betons ist nicht vorgezeichnet. Sie hängt von Entscheidungen ab – und von der Bereitschaft zu investieren. „Die Zukunft ist grün“ oder „Schöner scheitern in Beton“? (tk)
Fotos: Thomas Krones
Zum Nachlesen - hier geht es zum zweiten Teil: https://www.neue-szene.de/magazin/geschichte/tour-de-b%C3%A9ton-%E2%80%93-brutal-sch%C3%B6n-eine-stadtwanderung-drei-teilen-0






