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Tour de Béton – brutal schön! Eine Stadtwanderung in drei Teilen
Teil 2: Das Schwabencenter und seine Geschwister – Die leisen Räume
Nach dem großen Entwurf
Nicht jeder Ort spricht laut. Manche Räume entfalten ihre Wirkung erst, wenn man innehält. Wenn man sie nicht als Statement liest, sondern als Hintergrund des Alltags. Der Brutalismus der 1970er-Jahre war nicht nur Monument und Geste. Er war auch Bühne für Routinen, für Wiederholungen, für Leben, das sich einschreibt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Nach den großen Setzungen aus Teil 1 – Hochhäusern, Sportstätten, Infrastruktur – führt diese Etappe der Tour dorthin, wo Beton nicht beeindrucken, sondern tragen sollte. In Kirchen, Schulen, Wohnquartieren. Orte, an denen Architektur nicht im Vordergrund stand, sondern mitlief. Und genau darin ihre eigentliche Kraft entfaltete.
Von Thomas Krones
Architektur für den täglichen Gebrauch
Wie Beton Alltag, Bildung und Gemeinschaft formte
Der zweite Teil der „Tour de Béton“ setzt die Stadtwanderung fort und verschiebt dabei den Fokus. Weg von den sichtbaren Zeichen des Fortschritts, hin zu jenen Gebäuden, die den Alltag strukturierten: Sakrale Räume, Bildungsbauten, Übergangsquartiere. Architektur, die weniger repräsentieren wollte als funktionieren musste.
An diesen Stellen zeigt sich, wie konsequent die Ideen der 1970er-Jahre gedacht waren. Der gleiche Baustoff, die gleiche Haltung – angewandt auf sehr unterschiedliche Lebensbereiche. Was bleibt, sind Räume, die nicht nach Aufmerksamkeit verlangen, sondern ihre Wirkung still entfalten. Und die gerade deshalb viel darüber erzählen, wie Augsburg einmal von Zukunft sprach. Wer diesen zweiten Teil der Tour geht, bewegt sich durch Räume, die nicht erinnern wollen und doch Erinnerungen tragen.
Augsburgs Beton-Ikonen – die Tour geht weiter
Sakrale und Bildungs-Ensembles
Wer sich von den großen öffentlichen Bauten aus Teil 1 in die theologische und hochschulische Bildungslandschaft der 70er Jahre weiterbewegt, merkt schnell: Auch hier sprach die Architektur dieselbe kompromisslose Sprache.
Don Bosco (9), irgendwo zwischen Gemeindeleben und moderner Spiritualität, setzte in den 1970ern auf rohe Fassaden, die nicht beschwichtigen wollten. Keine Romantik, kein barocker Trost – stattdessen Nüchternheit, fast kontemplativ in ihrer Strenge. Es ist eine Kirche, die nicht flüstert, sondern sagt: Glauben ist auch Gegenwart. Diejenigen, die hier leben und lebten, berichten und erinnern sich vor allem an die eigentümliche Ruhe des Gebäudes: kühl, sachlich, offen für das, was man mitbrachte.
Das Rudolf-Diesel-Gymnasium (10) griff denselben Ton auf, aber ohne sakralen Unterbau – Bildung pur. Quadratische Blöcke, markante Achsen, Innenhöfe wie stille Pausenräume für Gedanken. Architektonisch wirkt es, als hätte man das Ideal der Rationalität in Volumen gegossen. Ein Lernort, der nicht ablenken will, sondern Fassung fordert. Funktional, geradeaus, fast schon stoisch.
Am Universitäts-Campus (11) kommt die damalige Vision vielleicht am stärksten zum Tragen. Teile stammen ebenfalls aus den 70ern, eine Formation aus niedrigen, zusammengedachten Baukörpern, die wie Wissens-Tempel im Grünen liegen. Sie sind nicht monumental, besitzen aber eine stille Autorität – damals wie heute: breite Wege, klare Kanten, großzügige Höfe, als wäre Lernen nicht nur Vorgang, sondern etwas, das Raum braucht. Die Lernräume prägen sich ein, lange nachdem Inhalte verblasst sind. Man erinnert sich an Licht, an die Länge eines Flurs oder die Kälte eines Treppenhauses – weniger an Formeln oder Jahreszahlen. Die Uni nahm diesen Umstand wahr, ohne ihn zu thematisieren. Sie strukturierte Zeit und Bewegung, schuf Ordnung, ohne Nähe zu simulieren. Beton wurde hier zu einer stillen Disziplin. Er setzte Grenzen, verlangte Konzentration, ließ wenig Raum für Ablenkung. Das erklärt auch, warum viele dieser Gebäude bis heute als streng, aber verlässlich wahrgenommen werden.
Die FOS/BOS (12) schließlich führt dieses Vokabular in der reinen Pragmatik weiter: Ein Bau, der keine Metaphern braucht, weil sein Zweck so eindeutig ist. Ausbildungsmaschine, Möglichkeitsraum, Alltagsarchitektur ohne große Gesten. Doch gerade darin liegt der Reiz: Man spürt das Jahrzehnt noch in den Treppenhäusern, in den Fensterbändern, in der Art, wie alles eher robust als verschnörkelt wirkt. Ein Ort, der wachsen lässt, ohne sich selbst wichtig zu nehmen.
Diese vier Bauten ergeben ein Bildungsquartett, das mehr ist als die Summe seiner Klassenzimmer. Kirchen, Schulen, Hochschulbauten – alle sprechen sie die gleiche Sprache: Reduktion, Ernsthaftigkeit, Glauben an das Kommende.
Wohn- und Übergangsviertel
Die Tour endet im Beethovenviertel (13), wo der Stilbruch fast schon inszeniert wirkt: Hier reibt sich die glatte Formensprache an Neurenaissance, Neubarock und Jugendstil. Türmchen und Stuck treffen auf Sichtbeton, Ornament auf Funktion. Ein räumlicher Dialog, manchmal ein Streitgespräch. Doch Augsburg hält diese Spannungen aus – seit Jahrzehnten, mal elegant, manchmal notdürftig, aber immer mit einer gewissen Gelassenheit.
Die Völkstraße (13) zeigt dies besonders gut: Altbaugiebel gegenüber nüchternen Wohndecks. Ein Quartier, das nicht weiß, ob es lieber Geschichte erzählen oder Zukunft markieren soll – und deswegen eigen wirkt.
Die Stadtsparkasse (14) in der Halderstraße schließlich kündigt mit ihren weicheren Kanten die Postmoderne an. Noch straff, aber schon mit einem kleinen Zwinkern in der Fassade. Ein Haus, das leise andeutet, dass sich die Stadt längst weitergedacht hat.
So schließt sich der Kreis der Tour: vom Schwabencenter als systemischem Beton-Großprojekt bis zu den Hybridzonen des Beethovenviertels. Eine Stadt, die weder die Vergangenheit verleugnet noch das Künftige fürchtet – und gerade in ihren Reibungen am deutlichsten sichtbar wird.
Der Traum zerbricht
Übergang zur Gegenwart
Die Bungalows der gleichen Epoche haben die Jahrzehnte flach und sonnenmüde erstaunlich leise überstanden. Sie liegen da wie eingefrorene Nachmittage: geliebt für ihre Einfachheit, gehasst für ihre Monotonie. Man konnte in ihnen verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen. Der ganze Facettenreichtum des Brutalismus dagegen taugt nicht zum Verschwinden. Ob hart, skulptural oder funktional. Er steht provozierend im Raum wie eine unbequeme Wahrheit, egal, ob in La Grande-Motte oder in seinen deutschen Verwandten. Auch in Augsburg.
Die Schwabencenter-Ausstellung wird zeigen, dass diese architektonischen Träume noch immer pulsieren. Dass sie mehr sind als kalte Masse. Dass sie von einer fernen Zeit erzählen wollten, die einmal möglich schien.
Doch die Gegenwart stellt unbequeme Fragen. Leerstand frisst sich in die Etagen, Witterung nagt an den Fassaden, und manche Gebäude stehen da wie Stationen eines abgebrochenen Plans. Das Schwabencenter, dieses schwergewichtige Herzstück der Tour, ist dafür das deutlichste Beispiel.
Es steht an einem Punkt, an dem sich Architektur entscheidet: Ruine oder Renaissance? Dass diese Architektur heute sperrig wirkt, ist kein Zufall. Sie ist nicht auf schnelle Zustimmung angelegt, nicht auf Instagram-Momente oder Wohlfühlästhetik. Diese Bauten verlangen Auseinandersetzung. Sie altern sichtbar, zeigen Schäden, erzählen von Vernachlässigung ebenso wie von Standhaftigkeit.
Am Ende der Treppenstufen endet die Zukunft – vorerst. Und was jetzt?
Vielleicht hätte man den Beton in einer anderen Erzählung längst vergoldet. Man würde ihn lesen wie ein Zitat aus einer retrofuturistischen Dystopie, irgendwo zwischen „Blade Runner“ und den hallenden Räumen früher Industrial-Musik, die ihre Klänge aus Stahl, Pfeifen und kalten Oberflächen zog. Die Türme wirken wie Zeitmaschinen, kurz aufflackernd, Erinnerung an Vergangenes.
Jetzt stehen sie da, stumm und doch voller Echo: Symbole eines vielleicht überoptimistischen Jahrzehnts. Die Frage ist nicht mehr, wie diese Gebäude gedacht waren, sondern wie wir heute mit ihnen leben wollen.
Was passiert mit Bauten, die älter werden, aber nicht leiser?
Wer kümmert sich, wer investiert, wer glaubt an sie?
Der dritte Teil setzt genau hier an: bei den Menschen, den Plänen, den Hindernissen und der Frage, ob aus Stillstand wirklich wieder Aufbruch werden kann. (tk)
Fortsetzung folgt.
Interview mit einem echten Schwabencenter-Kind(II) - Als das Schwabencenter an Stimmen verlor
Ich frage Dominik, wann ihm klar wurde, dass das Schwabencenter nicht mehr das war, was es einmal gewesen ist. Er zögert – nicht aus Unwissen, sondern weil es keinen einzelnen Moment gab.
Der Niedergang kam schleichend. Erst verschwand einer der beiden Supermärkte, dann ein vertrautes Geschäft nach dem anderen: Attenhauser, Müller, später auch größere Namen wie Toys "R" Us, Breuninger oder Rossmann. Keines blieb lange. Umbauten und Renovierungen folgten, als ließe sich der Prozess noch aufhalten. Für Dominik spielte das damals kaum eine Rolle. Es waren die Jahre des Erwachsenwerdens, der Blick richtete sich nach außen. Das Schwabencenter war da wie ein Möbelstück – bis man merkte, dass es fehlte.
Heute trifft ihn der Zustand mit unerwarteter Wucht. Wenn er durch die leeren Passagen geht, bleibt er langsamer stehen als früher, schaut öfter nach oben, als würde er etwas suchen. Die Traurigkeit, die er beschreibt, ist keine verklärte Nostalgie. Sie ist konkret. Ein Ort, der einst voller Stimmen, Wege und Begegnungen war, wirkt stillgelegt, beinahe abwesend. Wie eine Lücke, an der man merkt, dass etwas fehlt, obwohl man es längst nicht mehr benutzt.
Er erinnert sich gut an das Selbstverständnis der Erwachsenen in den 1970er- und frühen 80er-Jahren. Ein gewisser Stolz habe dazugehört, im modernsten Wohnkomplex Bayerns zu leben. Lage, Nähe zur Natur, Infrastruktur – all das wurde immer wieder beschworen. Vielleicht, sagt Dominik rückblickend, lag darin auch eine Form der Selbstvergewisserung. Denn natürlich wusste man um das bessere Renommee eines Einfamilienhauses in anderen Stadtteilen. Das Schwabencenter war modern, aber es war auch anders. Und dieses Anderssein musste man erklären.
Auch unter den Kindern kursierten Geschichten. Gruselgeschichten, wie sie überall entstehen, wo viele Menschen auf engem Raum leben. Das hartnäckigste Gerücht: jemand habe gesehen, wie sich ein Mensch aus großer Höhe in die Tiefe gestürzt habe. Ob das je passiert sei, weiß Dominik bis heute nicht. Aber die Geschichte war da – und sie blieb. Vielleicht, sagt er, weil solche Erzählungen etwas benennen, das sonst keinen Platz hat.
Auf die Frage nach der Zukunft des Schwabencenters wird Dominik deutlich. Abriss sei keine Option. Dafür sei der Komplex zu prägend, vielleicht auch längst schützenswert. Gleichzeitig sagt er offen, dass er selbst dort nicht mehr wohnen wolle. Er sagt das schnell, fast entschuldigend, als wisse er, dass genau dieser Satz Teil des Problems ist. Zu viel habe sich verändert – im Gebäude, aber auch im eigenen Leben.
Und doch glaubt er an eine Zukunft. Nicht nur für das Schwabencenter, sondern für das gesamte Herrenbachviertel. Die Innenstadt, beobachtet er, werde zunehmend unerschwinglich, ein Lebensraum für Wenige. Neue soziale Blüten müssten zwangsläufig an den Rändern entstehen. Warum also nicht hier?
Was es dafür brauche, sei mehr als eine bauliche Sanierung. Es gehe um Haltung. Um das Zurückgeben von Würde. Würde, sagt Dominik, sei auch eine Frage davon, wie oft man erklären müsse, wo man wohnt. Den heutigen Bewohnerinnen und Bewohnern müsse wieder das Gefühl vermittelt werden, nicht in einem gescheiterten Projekt zu leben, sondern an einem Ort, den man verteidigen würde.
Vermutlich, sagt Dominik, sei genau das die eigentliche Aufgabe: dem Beton nicht nur Halt zu geben, sondern wieder etwas, das Bedeutung hat.
Fotos: Thomas Krones (9-14), Google My Maps – Kartendaten ©2025 – GeoBasis-DE/BKG ©2009 (Karte)
Zum Nachlesen - hier geht es zum ersten Teil: https://www.neue-szene.de/magazin/geschichte/tour-de-b%C3%A9ton-%E2%80%93-brutal-sch%C3%B6n-eine-stadtwanderung-drei-teilen






