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Geschichte

Tour de Béton – brutal schön! Eine Stadtwanderung in drei Teilen

Teil 1: Das Schwabencenter und seine Geschwister – Beton ordnet das Leben

Die Träume der Siebziger
Manchmal beginnt eine Geschichte nicht dort, wo sie spielt. Diese beginnt auf der Autoroute du Soleil, irgendwo zwischen Lyon und dem warmen Wind des Languedoc. La Grande-Motte taucht am Horizont auf wie eine ferne Mondbasis, pyramidal, kühn, weiß und doch seltsam vertraut. Hier, zwischen Stränden und Bauutopien, begegnete ich dem skulpturalen Brutalismus zum ersten Mal bewusst, auch wenn ich ihn aus Augsburg längst kannte. Doch erst dort, mitten im französischen Stilbruch aus Freizeitfantasie und Betonvision, verstand ich: Brutalismus ist retro? Nein, damals futuristisch.

Von Thomas Krones

Der Beton als Zukunftsvision

Szene-Setting am Schwabencenter
Augsburg, 1971. Stell dir vor, du steigst aus einem türkisfarbenen Opel Rekord, und aus dem Autoradio knarzt „Jeepster“ von T. Rex – rebellisch, glänzend, Glam-Rock auf dem Sprung nach oben. Und während Marc Bolan singt, ragen die Türme des nagelneuen Schwabencenters wie drei Monolithen in den schwäbischen Himmel. Wie ein Versprechen, das man gerade erst ernst zu nehmen beginnt.
Das Center war eines der modernsten Einkaufszentren Bayerns. Wohnen, einkaufen, leben, alles dicht, alles effizient. Fast ein Raumschiff für den Alltag. Und wie Kubricks „A Clockwork Orange“ im selben Jahr, das seine Gewaltfantasien in vergleichbaren Kulissen wie Thamesmead im Südosten Londons inszenierte, offenbarten auch diese Träume ihre Ambivalenz: Fortschritt oder Überforderung? Die 70er hatten selten Angst vor großen Ideen. Das Schwabencenter war eine davon.

Brutalismus und Ausstellung
Architekturhistorisch betrachtet ist das Schwabencenter ein Kind der Nachkriegsmoderne. Nach 1945 galt der Werkstoff als redlich: billig, formbar, massentauglich. Der Brutalismus – vom französischen béton brut, also „roher Beton“ – war nie als Härte gemeint, sondern als Transparenz. Man zeigte, wie gebaut wird. Keine Masken, keine Tapeten, keine höflichen Fassaden. Konstruktion wurde zu Ästhetik. Für viele war das radikal, für manche war es provozierend. Heute würde man sagen: Architecture Porn für Menschen, die sich für Strukturen begeistern, für Schattenwürfe, für gigantische Stützen, die aussehen, als würden sie das 20. Jahrhundert auf den Schultern tragen.
Der Schweizer Architekt, Stadtplaner und Theoretiker Le Corbusier hatte vorgemacht, wie man mit Sichtbeton die Wohnnot lindern und zugleich neue räumliche Ideale schaffen konnte. In Deutschland explodierte der Stil in den 1960er- und 70er-Jahren – mal monumental wie im Berliner Corbusierhaus, mal pragmatisch wie in Augsburg. Und oft auch so wuchtig, dass die Gebäude martialisch anmuten. Als wollten sie Stabilität nicht nur verheißen, sondern physisch verkörpern.
Oliver Elser, Kurator des Projekts SOS Brutalismus, die sich der Dokumentation und Bewahrung brutalistischer Architektur widmet, brachte die Haltung einmal sinngemäß auf den Punkt: Beton war nicht brutal, sondern ehrlich – eine Zusage an die Massen für bezahlbares Wohnen im Wirtschaftswunder. Ein Gedanke, der bis heute trägt. Immer mehr Sozialprojekt als Stilpose.
In Augsburg nimmt nun auch die Stabsstelle Stadtgeschichte dieses Erbe im Februar 2026 neu in den Blick: Eine Ausstellung im Herrenbachviertel sammelt Erinnerungen der Bewohnerinnen und Bewohner. Sie erzählen, wie es war, in den 70ern in einem vertikalen Dorf zu leben – in diesem Gewirr aus Laubengängen, Läden, Aufzügen, Parkdecks, Ausblicken. Denn das Schwabencenter war tatsächlich so gedacht: rund 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, etwa 1.600 Bewohner, drei Türme à 76 Meter Höhe, dazu Geschäfte, Apotheke, Restaurants. Eine kleine Stadt im Kleid eines großen Gedankens.

Augsburgs Beton-Ikonen – die Tour beginnt

Das Schwabencenter als Prototyp
Wer heute durch die leere Passage geht, erkennt den frühen Glanz nur noch in Fragmenten: ein verblasstes Hinweisschild, der dunkle, elegante rohe Baustoff über dem zentralen Atrium, die weiten Rampen zu den Parkdecks. 1971 aber galt das Schwabencenter (1) als Ereignis. Dreißig Geschäfte eröffneten gleichzeitig, die Türme waren innerhalb kurzer Zeit ausgebucht. „Es war wie ein Dorf in der Höhe“, erinnert sich ein Besucher im „Wohnzimmer“ – einem Erzählcafé in der ehemaligen Ladenpassage. „Ich konnte vom 18. Stock runter, Semmeln holen, und war in fünf Minuten wieder oben.“
Doch die Geschichte der letzten Jahre zeigt ein anderes Bild:
– Mai 2023: Edeka schließt – der letzte Supermarkt.
– 2023/24: Die Passage verwaist, von Pflanzen überwucherte Parkhäuser – der Zustand gleicht einem „Lost Place“.
– 2025: Optik Gronde schließt nach 54 Jahren, schließlich auch die Don-Bosco-Apotheke. 100 % Leerstand.
Die Sanierungspläne der Eigentümergemeinschaft sind seit Jahren angekündigt, aber bis Ende 2025 ohne sichtbaren Fortschritt. Kosten, Asbest, strukturelle Unsicherheiten – alles bremst. Das Schwabencenter, einst ein Versprechen, ist heute eines der sichtbarsten Beispiele innerstädtischen Verfalls in Augsburg.
Und doch: Als Ausgangspunkt unserer Tour bleibt es das Herzstück. Vielleicht, weil hier die ganze Ära kondensiert: Vision, Übermut, Alltag, Niedergang.

Hochhäuser und Monumente
Wer weiterzieht, gelangt zum Hotelturm (2), 1972 eröffnet, 115 Meter hoch – ein „Maiskolben“, wie Augsburg seit Jahrzehnten liebevoll sagt. Ein Bau nach dem Vorbild der Marina City Towers in Chicago, das so sehr Landmarke ist, dass man kaum glauben mag, wie umstritten es einst war. Seit 2024 steht der Hotelturm unter Denkmalschutz. Ein offizielles Statussymbol: Der Fortschritt der 70er, diesmal mit Plakette.
In Lechhausen steht ein anderes Relikt derselben Baujahre: das Studentenwohnheim (3) an der Lechbrücke, funktionale Wohnzellen für 255 Studierende, Blick über den Fluss. Seit 2022/23 bis heute wird es aufwendig saniert – und plötzlich beweist es, dass diese Gebäudetypen Zukunft können, wenn man sie lässt.
Und dann ist da noch der Skistiefel, das Thosti-Hochhaus (4), dieser Solitär, der aussieht, als sei er aus einem osteuropäischen Klassiker wissenschaftlicher Fantastik herübergebeamt worden. Ein Stück Architektur, das keinerlei Versuch macht sich zu erklären. Es steht einfach da, irgendwo zwischen Design-Statement und unfreiwilliger Popkultur. Ein Gebäude, das zeigt, wie kühn gebaut wurde. Selbst oder gerade im Alltag.
Am Ende verweben sich all diese Orte zu einem Panorama, das man so nicht mehr errichten würde – aber auch nicht verlieren sollte. Augsburgs 70er stehen heute gleichermaßen unter Sanierungsdruck wie unter Denkmalschutz. Es ist der stille Triumph einer Epoche und der überraschende Charme einer Stadt, die ihre eigenen Sci-Fi-Kulissen besitzt, ohne es je so geplant zu haben.

Öffentliche und kulturelle Bauten
Die 1970er waren in Augsburg auch eine Ära öffentlicher Funktionsarchitektur. Jahre, in denen Baustoff gleichzeitig Haltung war. Eine, die sich wie eine Linie durch die Stadt zieht: vom Kongress am Park über die Erhard-Wunderlich-Halle und den Eiskanal bis hin zur Hauptfeuerwache an der Berliner Allee. Diese Gebäude formten ein Selbstverständnis, das Augsburg damals bewusst an die Moderne anbinden wollte: sachlich, effizient, unaufgeregt. Architektur, die sich nicht in Szene setzte, sondern die Szene war.
Am deutlichsten zeigt sich das vielleicht am Kongress am Park (5). Max Speidel entwarf die Kongresshalle, wie der Bau bis 2012 hieß zwischen 1965 und 1972. Eine Anlage aus streng geschichteten Ebenen, deren Minimalismus an japanische Kulturzentren der Nachkriegszeit erinnert. Große Flächen, alles in einem Rhythmus, fokussiert auf das Material. Als der Kongresskomplex 2010 bis 2012 saniert wurde, wollte man nicht übertünchen, sondern freilegen.
Ein Stück weiter südlich, an der Ulrich-Hofmaier-Straße, befindet sich die Erhard-Wunderlich-Halle (6). Das markante Dach wirkt, als hätte man einen einzigen architektonischen Atemzug eingefangen. Zeitzeugen nannten sie früher den „Kölner Dom von Augsburg“. Der Vergleich zeigt, wie stark diese Halle in die kollektive Wahrnehmung eingeschrieben ist. Ein Sporttempel, der keine Rundungen braucht, um Wirkung zu entfalten.
Und dann ist da der Eiskanal (7), jenes Stück Olympiainfrastruktur von 1972. Heute, im Zeitalter des Wassermangels und der sommerlichen Trockenperioden, wird über ihn diskutiert. Der Kanal steht exemplarisch für eine Ära, in der man technische Machbarkeit ausreizte. 2025 erinnert er uns daran, wie verwundbar solche Anlagen geworden sind. Brutalismus war nie nur Ästhetik – er war auch der Glaube an Kontrolle, an ein planbares Morgen. Das schwankt heute, und gerade deshalb wirkt dieser Ort so zeitdiagnostisch.
Zu dieser Epoche gehört auch der Blick nach München, zu den Olympischen Spielen 1972 – genauer: zu Otl Aichers Piktogrammen (7a), den minimalistischen Sport-Symbolen, die längst Designklassiker sind. Die Süddeutsche Zeitung nannte sie einmal „Minimalschrift für Analphabeten des hektischen Zeitalters“ – und in dieser Formulierung steckt viel von Aichers Ethik. Reduktion als Maxime. Und in ihrer Strenge passen diese Figuren perfekt zum betonlastigen Jahrzehnt: grafischer Ausdruck als Schwester der rohen Architektur.
Dass all das damals auch eine Bühne des Urbanen war, zeigt sich jedoch nirgendwo so deutlich wie an der Hauptfeuerwache (8) an der Berliner Allee. Ein Funktionsmonument, das aussieht, als hätte sich Denis Villeneuve davon für die Städte der Harkonnen in „Dune 2“ inspirieren lassen. Rohe Struktur, horizontale Schlitze, wuchtige Auskragungen – kein Ornament, keine Verführung. Ein Gebäude, das arbeitet. Die narrative Geste der Zeit ist hier mit Händen zu greifen: „Wir sind vorbereitet. Egal, was kommt.“ In einer Stadt, die damals schneller wuchs, als ihre Infrastruktur hinterherkam, war dies kein Stil, sondern eine Notwendigkeit. Architektur als Versicherungspolice.
Im Ensemble mehr als nur eine Reihe funktionaler Einrichtungen. Sie erzählen von einer Dekade, in der man der Stadt eine technische Zukunft verordnen wollte. Ohne Pathos, ohne Dekor, dafür mit der Zuversicht, dass Klarheit schöner sei als alles, was sich verspielt. Man kann diese Gebäude heute kritisch betrachten. Doch man kann ihnen nicht absprechen, dass sie etwas schaffen, was vielen Neubauten fehlt: Sie beziehen Position. Und sie tun es mit einer Konsequenz, die uns bis heute beschäftigt.

Jenseits der großen Setzungen

Die Tour ist hier noch nicht zu Ende. Sie führt weiter zu jenen Orten, in denen sich der Beton in Routinen eingeschrieben hat: Schulen und Arbeitsorte. Gebäude, die nicht weniger spektakulär wirken – und zeigen, wie sehr Architektur Haltung prägen kann. (tk)
Fortsetzung folgt.

Interview mit einem echten Schwabencenter-Kind:
Aufwachsen im „modernsten Wohnkomplex Bayerns“

Ich treffe Dominik, der seine Kindheit ab den mittleren 1970ern im Schwabencenter verbracht hat.
Im Gespräch erzählt er vom damaligen Lebensgefühl, der Ladenpassage und von einer Treppe, die im Nichts endet.

Stockwerk & Wohnung:
„Wir wohnten im 5. Stock, exakt 80 Treppenstufen von unten. Auf jedem Stockwerk gab es vier Wohnungen, von der Einzimmer- bis zur Vierzimmerwohnung. Unsere Wohnung hatte 105 Quadratmeter. Praktisch aufgeteilt mit Schlafzimmer, zwei Kinderzimmern, großem Wohnzimmer, kleiner Küche und Loggia. Die Loggias waren typisch: halbrund, blau, ein Markenzeichen der Fassade. Für uns Kinder war alles vollkommen ausreichend. Aufregend war der weite Blick über Augsburg, besonders die Abendhimmel.“

Aufzug & Gerüche:
„Der Aufzug war das Allernormalste. Man kam seinen Nachbarn nah, ohne aufdringlich zu sein. Erste Lektion in unbeteiligtem Beobachten: Ich habe gelernt, dass Männer im Aufzug größer sein können als mein Vater. Ihren eigenen Geruch hatte die Tiefgarage. Diesen speziellen Garagengeruch, den sonderbarerweise die meisten Kinder lieben. Vom Müllschlucker, den es auf jeder Etage gab, ging allerdings ein sehr spezielles Odeur aus. Diese Türe ließ man lieber zu.“

Läden & Lieblingsorte:
„Die Passage war ein Abenteuer. Anfangs war der Attenhauser der wichtigste Ort, später die Pizzeria oder der Müller mit CDs. Die Videothek war spannend, sobald man den Schülerausweis ein wenig fälschte. Lieblingsorte im Gebäude? Eigentlich draußen: Hinterhof, Vorderhof, Spielplätze. Im Hochsommer die „Wildnis“ – unser Abenteuerland. Eine Treppe mit totem Ende führte später zu einem „geheimen Ort“ für erste Küsse oder heimliche Biere.“

Gemeinschaft & Nachbarschaft:
„Wir kannten viele Kinder, manche wurden dicke Freunde, andere nur für einen Tag. Die Nachbarschaft war eng, besonders die Kinder. Erwachsene blieben meist etwas distanzierter, aber stets freundlich.“

Besonderheiten & Erinnerungen:
„Der Blick über die Stadt war beeindruckend. Fast jeder Punkt in Augsburg zeigte unser Zuhause. Legendär waren unsere Tischtennis-Rundläufe auf Steinplatten – hart, aber prägend. Jährlich erlebten wir den Weihnachtswahnsinn: Balkone und Fenster leuchteten wie ein Lichtermeer, ein einmaliger Effekt, den wir nie vergessen haben.“

Fotos: Thomas Krones (1-8), Google My Maps – Kartendaten ©2025 – GeoBasis-DE/BKG ©2009 (Karte)

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