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"Die sehen doch eh alle gleich aus" - das Phänomen Hipster
Macht man sich auf die Suche nach Merkmalen zur genaueren Einordnung eines Hipsters, ist man nicht lange unterwegs. Optische Merkmale gibt es viele: Röhrenjeans, Jute-Beutel, ausgelatschte Lederschuhe vom nächstbesten Secondhand-Geschäft. Zurzeit schwer im Trend: olivgrüne Parkas, Beanie-Mützen und Bart, am besten ein Schnauzbart, sofern das Wachstum mitspielt. Alles schon gesehen. Doch da stellt sich die erste Frage: Gibt es eigentlich männliche und weibliche Hipster? Betrachtet man das Wort, gibt es eine rasche Antwort. Der Hipster. Vom Hipster-Girl oder einer Hipsterin war noch nie die Rede.
Ich merke schon, ohne fremde Hilfe werde ich mir schwer tun, auch nur einen ansatzweise interessanten und glaubwürdigen Artikel schreiben zu können. Also erst mal ein paar Fragen auf den Notizblock und ab in die Annastraße. Zudem verschicke ich einen kleinen Fragebogen unter meinen Facebook-Freunden. Erste Erkenntnis: Fast niemand gibt sich als Hipster aus! Klar, über den Stil der Befragten möchte ich mir kein Urteil erlauben, jedoch wage ich zu behaupten, dass bei einem Großteil die allbekannten „Hipster-Merkmale“ zutreffend waren. Auf etwa 20 Befragte kam gerade einmal eine Person, die aussagte, sich als Hipster einzustufen. So viel Ehrlichkeit gab es von der weiblichen Seite nicht. Muss man sich also dafür schämen, Hipster zu sein? Ich behaupte, nein. Zuvor sollte ich jedoch klarstellen, warum.
Dem Hipstertum ist kein klarer Lebensstil zuzuordnen, es bildet somit keine eigene Szene. Während man in anderen Jugendszenen gemeinsame Interessen teilt, gibt es bei den Hipstern neben der Mode kaum Überschneidungen, die von Bedeutung sind. In meiner Umfrage habe ich festgestellt, dass neben der Mode etwa 90 Prozent die Musik als wichtigen Bestandteil befinden. Ein wieder nur teilweise befriedigendes Ergebnis. Viele sagten aus, vor allem Indie-Rock zu hören. Aber auch Electro und HipHop (u.a. Cro) scheinen äußerst beliebt zu sein. Am nächsten Skaterplatz hingegen läuft immer noch die College-Punk-Playlist von vor sieben Jahren. Blink 182 und Sum 41 den ganzen Tag. Und selbst dort tummeln sich die Röhrenjeans, Undercut-Frisuren und Beanie-Mützen. Von einer Vorliebe für bestimmte Musik kann also nicht die Rede sein. Neben der Musik gibt es anscheinend kaum weitere Interessen. Und „Yolo“, „Swag“ und Dreiecke kann ich schlecht in meine Arbeit einbringen. Daher suche ich weiter. Aber vielleicht hat das ja gar keinen Sinn? Sind wir tatsächlich die Generation Y, ohne politische Einstellung, ohne Rebellion, ohne gemeinsames Ziel? Jedenfalls steht fest, dass das Hipstertum ganz bestimmt nicht die Jugendbewegung unserer Zeit sein kann. Denn dafür brauchen wir bessere Waffen als Nike Air Max oder eine tolle Vintage-Tasche vom Flohmarkt.
Ich entscheide also, mich auf die Suche nach der Herkunft des Wortes zu machen. Das Internet ist dafür die beste Quelle. In den 1940ern hatte der New-Orleans-Jazz sein großes Revival. Der Bebop entstand. Die Schwarzen bezeichneten ihre Musik als „hip“, was so viel wie „angesagt“ bedeutete. In den 50ern imitierten die Weißen den Bebop und brachten die „hippe“ Musik in die Cafés. Die 60er waren geprägt durch die Hippies und in den 80ern findet sich das Wort im „HipHop“ wieder. In den 90ern taucht zum ersten Mal das Wort „Hipster“ in den USA auf und spätestens seit der Jahrtausendwende hat sich der Begriff nach Europa geschlichen und findet seither immer mehr „Anhänger“. Ein Wort, das mit dem Trend ging und weiterhin geht. Stellt sich bloß die Frage, wann und warum der Hipster zum Gespött wurde und jeder abstreitet, einer zu sein? Das kam, vermute ich, mit dem Ablegen eines eigenen Statements. Die Fixierung auf einen Modetrend als Aushängeschild der eigenen Persönlichkeit wurde dem Hipster zum Verhängnis.
Der New Yorker Uniprofessor Mark Greif hat über den Hipster sogar ein ganzes Buch auf soziologischer Ebene geschrieben. Demnach sei der Vorsatz eines Hipsters, immer zu wissen, was angesagt ist. Der Trend dürfe dabei aber nicht abgeschaut werden, sondern müsse natürlich aus eigener Idee entstehen: „Ich habe den perfekten Geschmack.“
Dies hätte jedoch zur Folge, dass es kaum Gemeinsamkeiten bei Hipstern, sondern mehr eine riesige Vielfalt an modischen Erscheinungen und Neuheiten gäbe. Nachdem ich bei meinen Umfragen auf der Straße beim Erkennen von Hipstern keine großen Schwierigkeiten hatte, schließe ich daraus, dass dieses Prinzip nicht verfolgt wird. Ganz im Gegenteil. Auf der Suche nach mehr Individualität folgen die Leute viel mehr einem schon existierenden Trend und bilden dabei eine Gruppe aus pseudo-individuellen Modeliebhabern, die ihren Klamottenstil kopieren. Klares Indiz für eine Modeerscheinung. Gab es so etwas nicht schon einmal?
Wenn ich in meinem kurzen Leben mal so zurückdenke, fällt mir da ein gutes Beispiel ein: der HipHop. Weite Hosen bis tief in den Schritt, viel zu lange T-Shirts, Caps und ebenfalls viel zu große Hoodies. Klar, auch diese Bewegung musste so einiges an Kritik wegstecken. Aber immerhin stritten die Anhänger dieser Szene nicht ab, Hip-Hopper zu sein. Sie waren, ja, schon fast stolz darauf. Und niemand von ihnen behauptete „individuell“ oder „außergewöhnlich“ zu sein. Die Anhänger des HipHop bildeten eine Einheit, lebten ihren eigenen Stil. Der Hipster ist nahezu Einzelgänger. Er streitet ab, Hipster zu sein, gibt sich alternativ und reduziert seine Interessen auf bereits existierende Modetrends. Und genau das macht ihn zum Gespött. Ein Trend ist kein Lebensstil. Zu einem Trend sollte man stehen und ihn mit Würde tragen.
Ich halte fest: Ich hätte mir aus meinen Umfragen etwas mehr Klarheit gewünscht. Vielleicht waren meine Erwartungen an das Hipstertum einfach zu hoch. Womöglich hat diese Bewegung tatsächlich einen neuen Lebensstil zu uns gebracht. Kann sein, dass sich der Hipster für eine bestimmte politische Richtung engagiert.
Doch wer hofft, sich mit dem neuen Trend gesellschaftlich abzukapseln, also eine Art von Rebellion oder Unzufriedenheit zu zeigen, der liegt falsch. Wer hofft, sich damit als individuell zu verkaufen und einzigartig zu erscheinen, der liegt ebenfalls falsch. Das Hipstertum ist ein Trend, keine Lebensart. Und vor allem keine Lebenskunst. Ich geh dann mal zum Flohmarkt... (mw)






