„Das Interview mit Nacktbildern von Rudi Schäble war der Renner“

Die Geschichte der Augsburger Stadtmagazine. Teil 1: Lueginsland

Ende der 70er Jahre ging in Augsburg das erste Stadtmagazin mit dem Namen „Lueginsland“ an den Start. Zu den Pionieren zählten unter anderem Bernhard Leitenmaier, Kurt Idrizovic, Arthur Müller-Doldi und Arno Löb, mit dem sich Walter Sianos in die Zeitmaschine gesetzt hat.

1977 erblickte mit dem „Lueginsland“ das erste Stadtmagazin Augsburgs das Licht der Welt. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, ein eigenes Magazin zu gründen?
Bernhard Leitenmaier und ich haben damals auf der Fachhochschule für Gestaltung studiert. Dort haben wir gelernt, wie man mit Fotos und Texten arbeitet. In anderen Städten gab es bereits Stadtmagazine, wie etwa „Das Blatt“ aus München, das aber sehr politisch, links und anarchistisch war. Nachdem es in der Stadt außer der Augsburger Allgemeinen nichts gab, dachten wir, dass die Zeit reif für ein neues Medium sei. Ein Magazin von Augsburgern für Augsburger, das einerseits eine Stimme für die Jugend ist, aber auch einen kritischen Blick auf lokale Themen wirft und interessante Menschen featured, die hier leben.

Wie seid ihr an die Sache herangegangen?
Als erstes haben wir überlegt, wen wir alles ins Boot nehmen können. Meinen alten Freund Kurt Idrizovic kannte ich damals nur flüchtig, aber ich wusste, dass er bei einem kleinen, unabhängigen Verlag bereits Texte und Gedichte veröffentlicht hat. Der Autodidakt Arthur Müller-Doldi war jemand, der sich mit Kultur, Journalismus und der klassischen Literatur gut auskannte. So haben wir Schritt für Schritt ein Team zusammengestellt, uns daraufhin an einigen Wochenenden in Kurts WG in Lechhausen getroffen und Bildungsseminare für uns selbst veranstaltet.

Bildungsseminare? Ein DIY-Crash-Kurs in Sachen Journalismus?
Kann man so sagen, jeder musste sich in ein Thema einarbeiten und wir haben quasi Vorträge für uns selber abgehalten. Themen waren beispielsweise: Was ist eine Reportage, eine Glosse oder eine Kolumne, wie läuft das mit den Bildrechten? Das war spannend und interessant, aber irgendwann mussten wir unseren Trockenschwimmkurs beenden und ins kalte Becken springen. Der nächste Punkt war, wie stellt man ein Magazin her, wie und wo druckt man es und dann die entscheidende Frage: Was kostet uns die ganze Angelegenheit?

Ich kann mir vorstellen, dass da der eine oder andere Euphorieballon erst mal geplatzt ist.
Allerdings, die Kosten waren beträchtlich, denn wir wollten mit einer Auflage von mindestens 5.000 Exemplaren starten. Es war klar, dass das „Lueginsland“ etwas kosten sollte, aber zusätzlich mussten wir natürlich noch Anzeigen verkaufen. Um den potentiellen Werbekunden unser Konzept schmackhaft zu machen, haben wir kleine Prospekte produziert, damit sie sich ein Bild machen konnten. Wir waren also Zeitungsmacher, Fotografen, Redakteure, Layouter und Anzeigenverkäufer in Personalunion und damit wir uns nicht in die Quere kommen, haben wir auf einem Stadtplan Zuständigkeitsbereiche markiert. Kleine Anekdote am Rand: Der Dom hatte damals im Keller eine kleine Druckerei und über einen Freund haben wir dort unsere Dummies heimlich gedruckt.

Dann hat also die Kirche euer „Revoluzzerblatt“ ins Rollen gebracht. Wie lange hat es von der Idee bis zur ersten Ausgabe gedauert?
Ziemlich genau ein halbes Jahr. Nachdem wir eine Druckerei hatten, ging es darum, wie wir das Heft unter die Leute bringen. Über einen Kioskbesitzer haben wir erfahren, dass es einen Zeitungsgroßhändler gibt, der Printmedien über den Handel vertreibt, der aber wiederum 50% des Verkaufspreises bekam.

Wo war eure erste Redaktion?
In der Hermanstrasse 3, also direkt am Königsplatz und wir hatten gleich ein ziemlich protziges Interieur, weil wir über Connections an die Chefbüromöbel der Firma Ackermann gekommen sind. Allein der Konferenztisch hat das Büro schon fast ausgefüllt.

Du hast eben erwähnt, dass die hohen Unkosten euren Start erschwert haben. Von was habt ihr anfangs gelebt?
Von der Hand in den Mund. Einige haben bei den Eltern oder in WGs gelebt, einige bekamen Bafög, aber unsere Hoffnung war es natürlich, dass wir uns eines Tages davon ernähren können. Wir waren von unserer Idee so besessen, dass Geld für uns nicht so wichtig war.

Ein Stadtmagazin Ende der 70er Jahre, mit langhaarigen und subjektiven Typen? Hatte man da nicht gleich die Terrorfahndung am Hals?
So links und anarchistisch waren wir gar nicht, dadurch, dass wir viel unterwegs waren, konnten wir Vorurteile ausräumen. Uns war immer wichtig, dass wir gut recherchieren, damit uns keiner etwas nachsagen konnte.

Hattet ihr nie Ärger?
Doch, einmal ist gleich der Staatsanwalt bei uns im Büro einmarschiert.

Was war passiert?
Kurt Idrizovic hat mitbekommen, dass man bei der Deutschen Post völlig problemlos einen Nachsendeantrag stellen konnte und das hat uns auf die Idee gebracht, einen Artikel daraus zu machen. Wir brauchten ein Opfer und haben uns für den damaligen Stadtrat und späteren Ordnungsreferenten Willi Reisser entschieden. Kurt ist also ins Postamt und hat behauptet, er wäre Willi Reisser und dass er einen Nachsendeantrag wegen eines Umzugs benötigt. Und es hat tatsächlich geklappt, ohne dass er dafür einen Ausweis zücken hätte müssen. Wir haben auf unseren Briefkasten Willi Reissers Namen geklebt und einige Zeit später landete seine Post tatsächlich bei uns in der Redaktion. Nach einigen Tagen haben wir ihn in unsere Redaktion eingeladen und ihm von unserer Aktion berichtet.

Der ist wahrscheinlich ausgerastet …
Und wie, obwohl die Post natürlich ungeöffnet war (lacht). Nichtsdestotrotz haben wir eine Titelstory daraus gemacht und sie veröffentlicht. Es hat nicht lange gedauert, bis die Staatsanwaltschaft und die Post selber bei uns vor der Türe standen, Briefdiebstahl lautete der Vorwurf. Letztendlich ist die Sache aber glimpflich ausgegangen, weil sie nicht wollten, dass diese Angelegenheit hohe Wellen schlägt.

Eure Themen waren Kommunalpolitik, Kultur, Nightlife, Sport, Berichte aus der Szene, aber auch investigative Reportagen. Ihr habt auch den damaligen Bürgermeister Willi Egger mit einer dubiosen Immobilie in Verbindung gebracht.
Ich bin jetzt echt überrascht über diese Frage, woher weißt du das? Das stimmt, wir haben mit dieser Reportage tatsächlich einen Stein ins Rollen gebracht, auch wenn letztendlich andere Journalisten sich den Orden abgeholt haben. Willi Egger, der damals unter Hans Breuer SPD-Bürgermeister und Sozialreferent der Stadt Augsburg war, gründete mit seinem Anglerfreund Max Helmer den „Verein Jugendhilfe“. Helmer war als Roy-Black-Manager damals in einige dubiose Geschäfte verwickelt. Die SPD hatte mit Pro Familia ein Frauenhaus gegründet, aber man bekam keine Infos, wo sich diese neue Institution befindet. Offizielle Begründung war, dass man die Adresse geheim hält, damit keine wildgewordenen Männer ihren Frauen auflauern könnten.

Was ja legitim klingt.
Das machte uns aber stutzig. Wir wollten wissen, wem das Haus gehört und so bin ich einfach zum Liegenschaftsamt spaziert, wo man problemlos die Karteikärtchen durchgehen konnte. Und siehe da, Eigentümer dieser Immobilie waren Max Helmer und Willi Egger. Wir haben dann recherchiert, dass dieses Gebäude an das Frauenhaus vermietet wurde, bei dem der „Verein Jugendhilfe“ als Untervermieter an die Arbeiterwohlfahrt fungierte und dabei fürstlich abkassierte, nämlich 11.000 Mark Miete. Nachdem mehrere Journalisten den Fall weiter nachgingen und immer neue Details ans Tageslicht kamen, musste Egger letztendlich seinen Hut nehmen und zurücktreten.

Spektakulär war auch die Story mit Rudi Schäble, der sich völlig nackt im „Lueginsland“ präsentierte. Das muss damals schon ein kleiner Schocker gewesen sein.
Punk war in Augsburg angekommen und wir wollten ein Interview mit zwei Protagonisten dieser neuen Jugendbewegung machen. Rudi hat zu dieser Zeit im Ice aufgelegt und der erste Kontakt lief über Thomas Hammerl, der bei uns für Rock und Pop zuständig war. Rudi hat uns ein Interview mit zwei Punks vermittelt und so bin ich mit ihm ins Gespräch gekommen. Es war November und ich fragte ihn, ob er nicht Lust auf einen Weihnachtsschocker in unserem Heft hätte. Ein Interview mit Nacktbildern, Rudi quasi als eine Anziehfigur mit Modebögen, die man sonst von Modemagazinen her kannte. Man konnte die Bilder ausschneiden und ihn anziehen. Die Ausgabe hat voll eingeschlagen, wir bekamen zwar sehr viele empörte Zuschriften, aber die Leute rissen uns diese Ausgabe förmlich aus der Hand. Das war in all den Jahren auch die meist verkaufte Nummer.

Wenn du so an die Anfänge zurückdenkst, wie schwer war, es ein Magazin zu etablieren und wie lange hat es gedauert, bis ihr euch davon ernähren konntet.
Wir haben definitiv einen frischen Wind in die Augsburger Medienlandschaft gebracht, aber bis wir davon einigermaßen leben konnten, hat es zwei Jahre gedauert. Nach drei Jahren hatten wir unser Publikum und auch einen guten Stamm an Anzeigenkunden. Mit Peter Fischer wurde ein Geschäftsführer auf Halbtagsbasis angestellt. Wir, also der Rest der Truppe, haben aber auch durch unsere Kontakte gelebt, wir hatten immer wieder grafische Aufträge von Kunden, haben Anzeigen gestaltet und Getränke- und Speisekarten entworfen.

Sind in dieser Zeit andere Magazine dazugekommen?
Walter Kurt Schillfarth hat sein Augsburg Journal gegründet, es gab das Podium, eine stark linke Zeitschrift die von Studenten ausging und das Live-Magazin von Bruno Marcon ging an den Start.

Kannst du dich noch daran erinnern, wie du die erste Ausgabe in den Händen hieltst?
Nach drei Tagen Layout rund um die Uhr und Tonnen an Papier war es endlich soweit, die Arbeiten für die erste Nummer waren abgeschlossen. Es war Montag um vier Uhr morgens und wir mussten die Druckunterlagen pünktlich um sieben bei der Druckerei in Lechhausen abgeben, sonst hätten wir die Hefte erst eine Woche später bekommen. Wir waren so fertig, dass wir Angst hatten einzuschlafen. Es war Juni und warm, also sind wir sind mit all den Unterlagen an den Lech, haben uns dort hingelegt und gewartet, bis die Druckerei öffnet. Als wir ein paar Tage später unsere erste Ausgabe in den Händen hielten, war das ein bewegender Augenblick.

1980 war dann Schluss mit dem „Lueginsland“.
Wir sind irgendwann an einem Punkt angekommen, wo es nicht weiterging, auch im finanziellen Bereich. Das Problem zu dieser Zeit war, dass wir für den Mainstream zu abgefahren waren und die alternative Szene aber noch zu klein gewesen ist. Diese vier Jahre haben doch sehr an unserer Substanz gezehrt, wir waren ausgelaugt und brauchten eine Pause.

Aus dem“ Lueginsland“ wurde dann die „Szene“, das Vorgängermagazin der „Neuen Szene“. Darüber berichten wir in unserer März-Ausgabe, die am 28. Februar erscheint. (ws)

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