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Augsburg OnStage zeigt das Porträt einer gereizten Gesellschaft
Was passiert, wenn eine Trauerfeier zum Schauplatz für Genderdebatten und Shitstorms wird? Das Stück „Kalter weißer Mann" zeigt pointiert, dass heute ein einziges unbedachtes Wort genügt, um eine Welle der Entrüstung auszulösen, die niemand mehr stoppen kann.
Von Thomas Krones
Es beginnt mit den Klängen von Herbert Grönemeyers „Mensch". Horst Bohne, der designierte Geschäftsführer der Unterwäschefirma Steinfels, tanzt mit der Urne des verstorbenen Patriarchen über die Bühne. Dominik Holland verkörpert diesen Bohne mit einer brillanten Mischung aus rührender Überforderung und dem verzweifelten Willen zur Etikette. Doch er verheddert sich in seinen eigenen Abschiedsfloskeln: „Das Leben ist eine Reise im Zug und wir werfen den Anker. Oder war das der Hafen?"
Noch während er nach Worten sucht, fällt der erste Schuss: Auf der Trauerschleife fehlt der Genderstern. „Die Mitarbeiter" steht dort in unschuldiger Schrift. Und das reicht, um die ambitionierte Marketingchefin Alina Bergreiter (Susanna Michalovics) auf den Plan zu rufen.
Das Smartphone als ständiges Gericht
Was als Debatte über Sprache beginnt, eskaliert durch die unerbittliche Präsenz der sozialen Netzwerke. Social-Media-Experte Kevin (Philipp Bonaventura) starrt auf sein Display wie auf eine tickende Zeitbombe. Die anonyme Macht „Blumenwiese23" sitzt unsichtbar unter den Trauergästen und schießt jeden verbalen Ausrutscher in Echtzeit ins Netz. Die Bühne im Uni-Hörsaal wird zum Krisenzentrum, in dem Nuancen keine Chance gegen die sofortige Empörung haben.
Das Ensemble liefert ein Dialogfeuerwerk ab, das die Absurdität dieser Mechanismen freilegt. Als Bohne erfährt, dass die Praktikantin Kim (Larissa Wiese) als Influencerin vegane Reisetipps gibt, rät er ihr prustend, Schweinfurt weiträumig zu umfahren. Kim wiederum identifiziert das versöhnliche „Swing Low, Sweet Chariot" sofort als kulturelle Aneignung. Als Kevins Handy schließlich im Weihwasserbecken landet – eine wunderbare Hommage an „Der Gott des Gemetzels" – kehrt keine sakrale Stille ein. Das Publikum lacht über die Entgeisterung des Digital Native, während das Gerät im geweihten Wasser sein digitales Leben aushaucht.
Fronten, Figuren, Fallstricke
Die Rollen spiegeln die Fronten unserer Gesellschaft wider. Charlotte Fischer gibt die Sekretärin Rieke mit Spielfreude, auch wenn die Figur stellenweise mit Klischees überladen ist. Was jedoch keinesfalls der Darstellerin angelastet werden kann. Felix Krauß glänzt als Pfarrer: Seine trockene Anekdote über den seit 2000 Jahren tradierten Sexismus in der Kirche wird mit Szenenapplaus belohnt. Am Ende bleibt er berauscht von der eigenen Ohnmacht zurück, eine fast folgerichtige Reaktion auf eine Welt, in der rechte Blogger bereits Hashtags über das Unternehmen befeuern. Selbst vermeintlich „positiver" Rassismus wird von Kim nicht toleriert, als Rieke von afrikanischen Männerkörpern schwärmt.
Bohne steht am Ende fassungslos vor den Ruinen seiner Weltanschauung. „Transphob – vor fünf Minuten wusste ich noch gar nicht, was das heißt", gesteht er. Das ist die Essenz des Abends. Augsburg OnStage zeichnet das Porträt einer Gesellschaft, die das Zuhören verlernt hat, weil das nächste Posting wichtiger ist als das letzte Wort am Grab. Eine Komödie über Sprache als Schlachtfeld, die den Finger in die Wunde legt, ohne den Humor zu verlieren.
Wer verstehen will, warum unsere Welt gerade so nervös tickt, sollte sich dieses Stück ansehen. (tk)
Alle weiteren Termine unter: www.augsburg-onstage.de






